Mit dem Beginn der Vorbereitung startet für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Jagd auf den fünften Stern. Julian Nagelsmann setzt dabei auf ein starkes Wir-Gefühl: Nicht nur die klassischen elf Freunde, sondern gleich 27 Akteure sollen den „American Dream“ mit Leben füllen. Der Bundestrainer machte in Herzogenaurach klar, worauf es für den Titeltraum ankommt: gemeinsamer Einsatz wie in einer funktionierenden Familie.
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Nagelsmanns Familienbild für das WM-Abenteuer
Beim Aufbruch ins WM-Abenteuer am Mittwoch in Herzogenaurach formulierte der Bundestrainer seine wichtigste Botschaft frei nach Sepp Herberger. Er wünsche sich, erklärte der „Familienmensch“ Nagelsmann, „dass jeder am selben Strang zieht und wie in einer gut funktionierenden Familie alles für den anderen tut“. Nur dann, so seine Überzeugung, könne es in siebeneinhalb Wochen mit dem erhofften Triumph auch tatsächlich etwas werden.
Der Start in den Arbeitstag verlief dabei mit einer kleinen Panne: Als Nagelsmann in der Pressekonferenz im dunklen, holzvertäfelten Medienraum am „Home Ground“ Platz nahm, rutschte ihm der Stuhl weg. Ein symbolischer Fehltritt sollte daraus jedoch nicht werden. Sportdirektor Rudi Völler, der neben ihm saß, gab sich ebenso zuversichtlich wie der Bundestrainer selbst: „Ich bin total optimistisch“, sagte Völler, „es wird schwer, gegen uns zu gewinnen“.
Die fränkische Frühlingshitze sorgte bereits vor Ort für Bedingungen, die an das XXL-Turnier erinnern. Für Abkühlung helfe im Zweifel „auch mal ein eisgebadetes Handtuch im Nacken“, scherzte Nagelsmann. Vor dem Gelände warteten rund zwei Dutzend Fans in der prallen Sonne auf die Stars, die meist in verdunkelten Vans vorfuhren. Immerhin Leroy Sané und David Raum nahmen sich Zeit für Autogramme.
Der Plan bis zur Generalprobe
Im Inneren der Anlage erklärte Nagelsmann dem Team seinen WM-Ansatz: Entscheidend sei immer der nächste Schritt, nicht der große Erfolg in weiter Ferne. „Es hilft den Jungs, im Hier und Jetzt zu bleiben“, sagte der 36-Jährige. Unterstützung erhalten die Spieler auch aus dem privaten Umfeld: Für Freitag sind ihre Familien eingeladen.
Am Sonntag (20.45 Uhr/ZDF) wartet in Mainz der erste von zwei WM-Tests gegen Finnland – allerdings noch ohne die alte, neue Nummer eins Manuel Neuer. Über den noch immer angeschlagenen Rückkehrer mit der zwickenden Wade sagte Nagelsmann: „Es macht keinen Sinn“, man wolle „da noch Ruhe dranlassen“. Neuer selbst sei mit dieser Entscheidung „völlig d’accord“. Sorgen mit Blick auf die Generalprobe am 6. Juni in Chicago gegen die USA und das Turnier müsse man sich deshalb nicht machen. Wie wichtig der 40-Jährige sofort wieder sein soll, stellte der Chefcoach trotzdem unmissverständlich klar: „Mit Manu sind wir besser als ohne Manu.“
Neuer ist im DFB-Kader der letzte verbliebene Weltmeister von 2014. Nagelsmann habe sich aber „immer wieder“ auch mit anderen Champions ausgetauscht, die ihm eingeschärft hätten, dass er den Spielern vermitteln müsse, „dass jeder wichtig ist“.
Völlers Erinnerung an 1994 und die offenen Fragen
Rudi Völler erinnerte derweil an die schwierige WM in den USA 1994, bei der es laut ihm „immer irgendwie Unruhe“ gegeben habe. Nagelsmann hörte aufmerksam zu, denn genau das soll diesmal vermieden werden. „Dass jeder hier mitgenommen wird“, betonte Völler, „wird fundamental sein“.
Gleichzeitig trägt die Mannschaft einige Zweifel mit in die heißen Wochen vor dem Turnier: Hält Neuers Wade wirklich? Wer springt notfalls für Joshua Kimmich ein, wenn kein gelernter Rechtsverteidiger im Aufgebot steht? Wer besetzt die Doppelsechs? Findet Jamal Musiala zu alter Stärke zurück? Und ist es überhaupt möglich, ohne Stoßstürmer Weltmeister zu werden? Nagelsmann arbeitete sich in rund 45 Minuten redlich durch diese Fragen und suchte nach überzeugenden Antworten.
Auch die Stimmung im Land beschäftigt die Verantwortlichen. Völler sagte, sie komme „nicht alleine durch Quatschereien“ zustande. Die jüngste Kritik am Bundestrainer habe er als „teilweise ein bisschen ungerecht“ empfunden, ergänzte aber zugleich: „Aber wir haben ja noch ein bisschen Zeit“, um für bessere Laune zu sorgen. Politische Debatten sollen dabei möglichst keine Ablenkung erzeugen. Es gebe keine Maulkörbe, bestätigte Völler die bekannte DFB-Linie, Aktionen wie bei der WM 2022 in Katar werde es aber „nicht mehr geben“. Das Ziel bleibe klar: „Schönen Fußball spielen und die Leute begeistern.“ So sollen auch die Fans in die große DFB-Familie geholt werden.